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Plato hat sehr schön die Hoffnung den Traum des Wachenden genannt. Ihr Wesen liegt darin, daß der Wille seinen Diener, den Intellekt, wann dieser nicht vermag, das Gewünschte herbeizuschaffen, nöthigt, es ihm wenigstens vorzumalen, überhaupt die Rolle des Trösters zu übernehmen, seinen Herrn, wie die Amme das Kind, mit Mährchen zu beschwichtigen…

Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. Band II. Kapitel 19: Vom Primat des Willens im Selbstbewußtseyn

Ausgehend von dem Text Das Realitätsproblem in der Schopenhauerschen Philosophie von Wolfgang Röd (Zeitschrift für philosophische Forschung, 14, 1960, p. 401) diskutierten wir in unserem kleinen philosophischen Kreis den Zusammenhang von Realismus und Idealismus. Der Autor stellt heraus, dass die größte Leistung der Schopenhauerschen Philosophie eben in dem Versuch liegt, den scheinbaren Widerspruch zwischen Realismus und Idealismus aufzulösen.

Dass überhaupt von einem Widerspruch zwischen Realismus und Idealismus gesprochen wird, liegt wohl an der Unvereinbarkeit der Weltsichten, die Realismus und Idealismus zu implizieren scheinen. Und auf dem ersten Blick macht es ja auch einen Unterschied, ob ich annehme, dass der Tisch vor mir auch ohne mich existiert (Realismus) oder ob ich dem Tisch allein als Resultat meiner Verstandestätigkeit eine Existenz zubillige (Idealismus).

Allerdings dienen Realismus und Idealismus sehr wohl ihren spezifischen Zwecken: Für den alltäglichen Umgang ist es durchaus zweckmäßig die Existenz des Tisches nicht zu hinterfragen, sondern die Existenz einfach anzunehmen. Sonst wäre ich salopp gesagt nie sicher, ob die Tasse, die ich auf den Tisch stellen will, nicht auf den Boden durchfällt, geschweige denn sicher, dass die Tasse überhaupt existiere. Hinsichtlich der  wissenschaftlich-philosophischen Auseinandersetzung mit unserer Welt ist es allerdings nur redlich davon auszugehen, dass durch die sensorisch Auffassung (sehen, fühlen, hören etc.) der Welt nur begrenzte Aussagen über diese Welt möglich sind und dass diese Aussagen dann auch noch der Interpretation oder subjektiven Auffassung unterliegen. Man kann also schließlich zu der Aussage gelangen, dass sowohl s wie auch Idealismus für ihre jeweiligen Zwecke geeignete Ansichten der Welt darstellen.

Als Provokation gedacht und weil der Schluss nahe lag, hatte ich es am Ende sogar überspitzt so formuliert: Der Idealismus bedingt den Realismus. Dieser Aussage liegt die Annahme zu Grunde, dass dem menschlichen Fortschritt bis zur Formulierung des Idealismus die realistische Auffassung der Welt zugrunde liegt. Oder anders gesagt, um die Existenz der Welt außerhalb seines Verstandes in Frage stellen zu können (Idealismus), musste der Mensch diese Existenz zunächst annehmen (Realismus). Außerdem liegt der Aussagen die Annahme zugrunde, dass ein Mensch, dem nur die idealistische Sichtweise bekannt wäre, sich schwerlich in einer Natur behaupten könnte, deren Existenz er fortwährend bezweifelt.

Die Sixtinische Madonna

Die Sixtinische Madonna

Sie trägt zur Welt ihn: und er schaut entsetzt
In ihrer Gräu’l chaotischer Verwirrung,
In ihres Tobens wilde Raserei,
In ihres Treibens nie geheilte Thorheit,
In ihrer Quaalen nie gestillten Schmerz, –
Entsetzt: doch strahlt Ruh’ und Zuversicht
Und Siegesglanz sein Aug’, verkündigend
Schon der Erlösung ewige Gewißheit.

Arthur Schopenhauer; Dresden 1815. Veröffentlicht in: Parerga und Paralipomena. Bd. 2.

Auch im November zitiert der Schopenhauer-Kalender eine sehr grundsätzlliche Aussage zu Schopenhauers Philosophie:

Der Tod ist ein Schlaf, in welchem die Individualität vergessen wird: alles Andere erwacht wieder, oder vielmehr ist wach geblieben.

Die Welt als Wille und Vorstellung. Bd 1, Buch 4: Bejahung und Verneinung des Willen, § 54.

Der Wille ist das alles vereinigende Prinzip, der Wille wirkt in Allem. Unserer Erkenntnis erscheinen aber nur Individuen, einzelne Personen, Tiere, Gegenstände, etc. Das dazugehörige Prinzip genannt principium individuationis verhindert, dass wir den Willen als das alles Verbindende erkennen. Da mit dem Tod auch die Möglichkeit der Erkenntnis erlischt, denn Erkenntnis ist das Produkt eines Organs, des Gehirns, so erlischt auch die Individualität.

Passend zum heutigen Feiertag wurde wohl das Schopenhauer-Zitat für den Oktober gewählt:

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verräth in dem damit Behafteten  den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz seyn könnte, indem er sonst nicht zu Dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen theilt.

Parerga und Paralipomena; Bd 1; Aphorismen zur Lebensweisheit; Kapitel IV: Von Dem, was Einer vorstellt.

Sehr schön ist auch das Bild begleitende Zitat:

Ein neuer Monat, ein neues Zitat:

Daß man im Sommer viel weniger Energie des Geistes hat, als im Winter, ist zum Theil daraus erklärlich, daß man im Sommer weniger schläft: denn je tiefer man geschlafen hat desto vollkommener wach, desto “aufgeweckter” ist man nachher.

Die Welt als Wille und Vorstellung, Bad 2; Buch 2; Kap. 19: Vom Primat des Willens im Selbstbewusstseyn

 

Nun will ich meine verehrten Leserinnen und Leser nicht weiter auf die Folter spannen und weitergeben, was der Schopenhauer-Kalender zum Juli zu sagen hat:

Und allerdings ist für das Wohl-seyn des Menschen, ja, für die ganze Weise seines Daseyns, die Hauptsache offenbar Das, was ihn ihm selbst besteht, oder vor-geht.

Parerga und Paralipomena, Band 1; Aphorismen zur Lebensweisheit; Kap. 1: Grundeintheilung.

 

Auch im Juni darf ein Wort des Frankfurter Weisen nicht fehlen. Dieses Mal nun aus seinem Hauptwerk:

Wie der Mensch mit dem Menschen verfährt, zeigt z.B. die Negersklaverei, deren Endzweck Zucker und Kaffee ist. Aber man braucht nicht so weit zu gehen: Im Alter  von fünf Jahren eintreten in die Garnspinnerei, oder sonstige Fabrik, und von Dem an erst 10, dann 12, endlich 14 Stunden täglich darin sitzen und die selbe mechanische Arbeit verrichten, heißt, das Vergnügen Athem zu holen, theuer erkaufen.

Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd 2; Buch 4; Kapitel 46: Von der Nichtigkeit und vom Leiden des Lebens.

Ein neuer Monat hat begonnen und so wollen wir schauen, was der Schopenhauer-Kalender uns für den Mai zu sagen hat:

Der Natur liegt bloß unser Daseyn,
nicht unser Wohlseyn am Herzen. – ?

Senilia, S. 133 in: der handschriftliche Nachlaß.. Bd. 4, 2; S. 32

Ein wahres Wort, hat doch die Natur nicht zweifelsfrei für ein sorgenfreies Leben des Menschen gesorgt. Oder etwa doch, wenn wir annehmen, dass der Mensch, der wohl den Unterschied zwischen Daseyn und Wohlseyn zuerst gedacht hat, auch zur Realisierung des Wohlseyns von der Natur befähigt worde? Ich frage mich bei solchen Anlässen wie dem oben gegebenen Zitat immer, warum und worin Natur und Mensch eigentlich geschieden werden (sollen)? Die Natur auf der einen, der Mensch auf der anderen Seite. Kann nicht die Natur sehr wohl ohne den Menschen, aber der Mensch in seiner Gesamtheit nicht ohne die Natur? Warum kommt man dann zu dem Schluss, dass menschliche Gefühle wie z.B. das Wohlseyn nicht in der Natur liegen?

Die verehrten Leserinnen und Leser haben sich bisher nicht darüber erregt, dass doch das Kalenderblatt für den März an der Reihe ist und so will ich es schnell nachliefern.

Ja, wenn die Qualität der Gesellschaft sich durch die Quantität ersetzen ließe; da wäre es der Mühe werth, sogar in der großen Welt zu leben: aber leider geben hundert Narren, auf einem Haufen, noch keinen gescheuten Mann.

Parerga und Paralipomena: Bd. 1; Aphorismen zur Lebensweisheit; Kapitel 3: Von dem, was einer ist.

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