Ausgehend von dem Text Das Realitätsproblem in der Schopenhauerschen Philosophie von Wolfgang Röd (Zeitschrift für philosophische Forschung, 14, 1960, p. 401) diskutierten wir in unserem kleinen philosophischen Kreis den Zusammenhang von Realismus und Idealismus. Der Autor stellt heraus, dass die größte Leistung der Schopenhauerschen Philosophie eben in dem Versuch liegt, den scheinbaren Widerspruch zwischen Realismus und Idealismus aufzulösen.

Dass überhaupt von einem Widerspruch zwischen Realismus und Idealismus gesprochen wird, liegt wohl an der Unvereinbarkeit der Weltsichten, die Realismus und Idealismus zu implizieren scheinen. Und auf dem ersten Blick macht es ja auch einen Unterschied, ob ich annehme, dass der Tisch vor mir auch ohne mich existiert (Realismus) oder ob ich dem Tisch allein als Resultat meiner Verstandestätigkeit eine Existenz zubillige (Idealismus).

Allerdings dienen Realismus und Idealismus sehr wohl ihren spezifischen Zwecken: Für den alltäglichen Umgang ist es durchaus zweckmäßig die Existenz des Tisches nicht zu hinterfragen, sondern die Existenz einfach anzunehmen. Sonst wäre ich salopp gesagt nie sicher, ob die Tasse, die ich auf den Tisch stellen will, nicht auf den Boden durchfällt, geschweige denn sicher, dass die Tasse überhaupt existiere. Hinsichtlich der  wissenschaftlich-philosophischen Auseinandersetzung mit unserer Welt ist es allerdings nur redlich davon auszugehen, dass durch die sensorisch Auffassung (sehen, fühlen, hören etc.) der Welt nur begrenzte Aussagen über diese Welt möglich sind und dass diese Aussagen dann auch noch der Interpretation oder subjektiven Auffassung unterliegen. Man kann also schließlich zu der Aussage gelangen, dass sowohl s wie auch Idealismus für ihre jeweiligen Zwecke geeignete Ansichten der Welt darstellen.

Als Provokation gedacht und weil der Schluss nahe lag, hatte ich es am Ende sogar überspitzt so formuliert: Der Idealismus bedingt den Realismus. Dieser Aussage liegt die Annahme zu Grunde, dass dem menschlichen Fortschritt bis zur Formulierung des Idealismus die realistische Auffassung der Welt zugrunde liegt. Oder anders gesagt, um die Existenz der Welt außerhalb seines Verstandes in Frage stellen zu können (Idealismus), musste der Mensch diese Existenz zunächst annehmen (Realismus). Außerdem liegt der Aussagen die Annahme zugrunde, dass ein Mensch, dem nur die idealistische Sichtweise bekannt wäre, sich schwerlich in einer Natur behaupten könnte, deren Existenz er fortwährend bezweifelt.