Nun sitze ich, verehrte Leserinnen und Leser, wieder an meinen Schreibtisch, meinen alkoholfreies Tiramisu genießend (ich hatte unbeabsichtigt den Marsala vergessen) im Versuch, das heute Geschehende in Worte zu fassen.

Was ist passiert: Ich wollte zum Bahnhof. Als treuer Nutzer des ÖPNVs natürlich mit der Straßenbahn. Nach 15 Minuten verging allerdings auch mir die Lust meine Beine in den Bauch zu stehen und dem Treiben entfernter Blaulichter weiter sorgenvoll zuzusehen. So rief ich denn die Hotline des ÖPNV-Betreibers an. Ein freundlicher Herr teilte mir nun mit, dass von meiner Haltestelle in meine Richtung erstmal keine Bahn zu erwarten sei, da sich ein Autofahrer auf die Schienen verirrt habe. Als spontan akquirierter inoffizieller Mitarbeiter wurde ich außerdem darum gebeten, auch die anderen Wartenden über die momentane Situation aufzuklären (es sagt viel über das Menschenbild aus, wenn darum extra gebeten werden muss). So tat ich, wie mir geheißen und machte mich auf, den Bahnhof noch rechtzeitig per pedes zu erreichen.

2,4 km (laut Google Maps) lagen nun vor mir. Auf dem Weg durfte ich auch das Auto bestaunen, dessen Fahrer es geschafft hatte, dieses zum Schienenfahrzeug umzufunktionieren. Das Kennzeichen verriet mir jemanden “vom Dorf” und so widerfuhr auch meiner umfangreichen Klischee-Sammlung ein wenig Pflege. Welche Ironie, dass diejenigen mit solch problematischen Kenntnissen in der Fahrzeugführung am schlechtesten an das Netz der ÖPNV angegliedert sind. Aber ich hatte andere Sorgen, denn mein Zug würde nicht auf mich warten. So strafte ich den Zeitansatz von 30 Minuten (Google Maps) Lügen und überwand die Strecke in 20 (gehend wohlgemerkt). Aber ich machte meine Rechnung ohne die mir wohlbekannte Unzuverlässigkeit der Bahn: Meinem Gewaltmarsch hätte ich auch einem sonntäglichen Spaziergang weichen lassen können: 15 Minuten später als vom Fahrplan veranschlagt verließ ich den Bahnhof. Treue muss eben nicht auf Gegenseitigkeit beruhen.