Am Freitag besuchte ich also wieder den philosophischen Zirkel und wir philosophierten wieder über Schopenhauers strenge Definition der Moral (moralische Handlungen können nur dem Mitleid entspringen – jede Handlung, die auch nur im Entferntesten den eigenen Zwecken dient ist egoistisch und nicht moralisch).

Nun wird häufig das Wort “moralisch” im gleichen Sinne wie “gut” verwendet, denn alles Moralische ist von Wert. Diese Verwendung von “moralisch” mündet dann in der Annahme, dass alles, was nicht “moralisch” ist, auch nicht “gut” sein kann und damit nur “schlecht” sein muss. Diese Schlussfolgerung widerspricht nun dem eigenen Verständnis, kann doch nicht jede egoistische Handlung in jedem Falle schlecht sein? Aber welche andere Schlussfolgerung bleibt übrig, wenn man der Schopenhauer’schen Definition folgt und alle nicht durch Mitleid motivierten Handlungen als nicht “moralisch”, also im Sinne der oben geschilderten Verwendung als nicht “gut” annimmt?

Meine persönliche Auflösung besteht nun zunächst darin, alles was nicht “gut” ist nicht zugleich als “schlecht” anzusehen. Ein Beispiel: Wenn ich mir eine Mozarella-Schnitte schmiere, z.B. weil ich Hunger habe, dann ist das keine Handlung aus Mitleid, damit nicht moralisch, also nicht “gut”. Allerdings schade ich (im Normalfall – bewusst oder unbewusst) auch niemanden mit dem Verzehr der Schnitte, also ist meine Handlung auch nicht “schlecht”. Mit der Annahme, dass das, was nicht “gut” ist, nicht zugleich “schlecht” eröffnet sich die Möglichkeit eines Auswegs aus der “moralischen Sackgasse”.

Schopenhauer definiert drei Triebfedern für das menschliche Handeln [1]:

  1. Egoismus; der das eigene Wohl will (ist gränzenlos) [sic].
  2. Boshei; die as fremde Wehe will (geht bis zur äußersten Grausamkeit).
  3. Mitleid; welches das fremde Wohl will (geht bis zum Edelmuth und Großmuth) [sic].

Das Mitleid ist per Schopenhauer’scher Definition “moralisch”. Die Bosheit, also das bewusste Herbeiführen fremden Leids, ist “amoralisch”, denn die Bosheit ist der genaue Knotenpunkt zum Mitleid. Dazwischen nun liegt der Egoismus, also der Wunsch nach Befriedigung persönlicher Bedürfnisse und Wünsche. Es bleibt also die Frage zu klären, welche egoistischen Handlungen gesellschaftlich akzeptiert werden können und welche abgelehnt werden müssen. Mit anderen Worten: Welche egoistischen Handlungen nehmen (bewusst oder unbewusst) menschliches Leid in Kauf und wie wird das menschliche Leid gegeneinander abgewogen. Dazu ein extremes Beispiel – Tötung aus Notwehr: Will mir ein Angreifer an mein Leben, so werde ich mich dagegen zur Wehr setzen, es steht also mein Leid gegen das Leid des Angreifers. Lasse ich zu, das der Angreifer mich tötet, so ist das sicherlich “moralisch” aber lebensfern, denn die wenigsten werden sich bereitwillig opfern. Töte ich aber nun den Angreifer, um mein eigenes Leben zu schützen, so stelle ich mein Leben vor das des Angreifers. Wie ist nun die Tötung des Angreifers zu bewerten?

Die Ethik als Wissenschaft  befasst sich auch mit Handlungen von moralischem Wert. In der Schopenhauer’schen Definition müsste sich die Ethik mit solchen Handlungen nicht mehr befassen, denn per Definition sind nur dem Mitleid entspringende Handlungen solche von moralischem Wert. Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Handlungen, die weder moralisch noch boshaft sind, die aber mehr oder minder guten oder schlechten Einfluss auf meine Mitmenschen haben. Mein Schluss lautet nun wie folgt: Die Ethik befasst sich mit Handlungen von ethischem Wert, also Handlungen die die Grundsätze einer Ethik erfüllen (Ethiken gibt es viele und somit auch viele Handlungsgrundlagen, denen gefolgt werden kann). Damit trenne ich natürlich “moralische” von “ethischen” Handlungen, eine Trennung, die so scheinbar nicht gemacht wird, denn auch im philosophischen Zirkel wurden diese Begriffe synonym verwendet. Entsprechend verhalten wurde meine Trennung aufgenommen, die allerdings nur in der Schopenhauer’schen Definition der moralischen Handlungen als allein mitleidige Handlungen begründet liegt.

[1] Schopenhauer, Über die Grundlage der Moral, S. 249 (Hübscher).