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Vor kurzem gelangte ein kleines Taschenbuch der Reihe Sammlung Göschen mit dem Titel Hauptprobleme der Philosophie in meinen Besitz. Ziel der Taschenbuchreihe ist es,

unter Berücksichtigung des neuesten Standes der Forschung […] zuverlässige Belehrung [zu] bieten.

Autor der Ausgabe über die Philosophie ist der Philosoph und Soziologe Georg Simmel. Das Taschenbuch ist Teil der “dritten, unveränderten Auflage” von 1913.

Sammlung Göschen - Hauptprobleme der PhilosophieNatürlich konnte ich es kaum erwarten, endlich mit dem Lesen des Taschenbuches zu beginnen, denn ich sonst nur noch selten dazu, Literatur in Frakturschrift zu lesen. 😉

Einige Stellen aus dem Buch möchte ich an dieser Stelle auch den verehrten Leserinnen und Lesern meines Blogs nicht vorenthalten. Und werde nun im Folgenden einige Interessante Gedanken und Aussagen des Herrn Simmel präsentieren.

Herr Simmel beginnt im Kapitel Vom Wesen der Philosophie  auf Seite 9 damit, die Philosophie als voraussetzungsloses Denken zu beschreiben:

Wo nun das Denken dennoch versucht, sich jenseits von Vorausetzungen überhaupt zu stellen, beginnt es zu philosophieren.

Danach werden Voraussetzungen aufgezählt, von denen sich die Philosophie womöglich lösen möchte, wie:

[…] von dem unmittelbaren Eindruck der sinnlichen Welt oder von den hergebrachten moralischen Wertungen, von der selbstverständlichen Gütigkeit der Erfahrung oder […]

und jetzt kommts:

[…] der selbstverständlichen Realität göttlicher Mächte.

Der geneigte Leser staunt (insbesondere fast 100 Jahre später), welche Dinge als “selbstverständlich” angenommen werden können. Damit kann wohl ohne Weiteres das Wort glauben als Äquivalent des Wortes wissen verstanden werden.

Auf den Seiten 35 und 36 diskutiert Herr Simmel nun den Wahrheitsbegriff in der Philosophie und kommt zu folgender Beobachtung:

[…] daß eine Lehre innerhalb der philosophischen Sphäre festgehalten in der Höhe ihrer Abstraktion, durchaus als zutreffende Wahrheit behauptet und empfunden werden kann, und dabei die Anwendung auf all die Einzelheiten, auf die sie sich als allgemeine Behauptung eigentlich beziehen soll, nicht verträgt.

Kurz gesagt: Eine Philosophie kann man in ihrer Abstraktion als Wahrheit anerkennen, auch wenn ihre Aussagen angewendet auf die Realität widersprüchlich sein mögen. Bisher hatte ich bei der Lektüre philosophischer Werke nicht das Gefühl, das Widersprüche mit Realität als notwendiges Übel, sondern als Mangel der jeweiligen philosophischen Theorie angesehen werden. Und ganz ehrlich, ich frage Sie meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, was soll uns eine Philosophie ohne Bezug oder sogar im Widerspruch zur Realität geben?

Auch über die Moral und Sittlichkeit und den Zusammenhang zum Egoismus hat Herr Simmel auf Seite 133 etwas zu sagen:

Es ist eine Fälschung der Tatsachen, wenn man den Menschen als das egoistische Wesen schlechthin bezeichnet, d.h. als ein solches, dessen Handlungen ihren Endzweck in denjenigen Wirkungen haben, die auf den Handelnden selbst zurückkehren. In Wirklichkeit machen die Motivierungen unsrer Handlungen unzählige Male an Punkten halt, die völlig und definitiv außerhalb unser selbst liegen: wir wollen, daß dieser und jener diesen und jenen Einfluß erfahre, in diesen und jenen Zustand versetzt werde; wir wollen, daß gewisse Ereignisse eintreten oder verhindert werden, Werte realisiert oder auch vernichtet werden – und es ist eine durch nichts gerechtfertigte Willkür, die Reihen solchen Wollens über diese Endpunkte hinaus hypothetisch zu verlängern, bis sie wieder in irgendeinem Zustande des Subjekts münden.

Warum die hypothetische Verlängerung der Reihe willkürlich sein soll, wird an dieser Stelle leider nicht erklärt. Auch dass die Rückführung der “Motivierungen” auf den Egoismus als ungerechtfertigt bezeichnet wird, kann ich nicht nachvollziehen, scheint doch dieser Schluss erstmal nicht unlogisch.

Auf Seite 140 kommt Herr Simmel über die Aussage “daß das Glück Wertkriterien enthält” zu folgendem vielleicht gar nicht so überraschenden Schluss:

Es bestimmt den Wert eines Menschen nicht nur, ob er nach Glück strebt, oder nach anderem, vielleicht höherem; sondern auch, worin er das Glück findet, nach dem er strebt. Ob er seine beglückteste Stunde in den Armen einer Kokotte oder beim Anhören der Neunten Symphonie erlebt – das ist ein Unterschied der Persönlichkeiten, der weder mit dem Glücksmaß, noch unmittelbar mit ihrem sittlichen Wollen etwas zu tun hat. Das Sein des einen dieser beiden ist eben wertvoller als das des andern. Und wenn selbst beide nur “ihr Glück suchen” und insofern von Kant für gleich “wertlos” erklärt würden, so stellt sich dieser Moralismus in zweifellose Opposition gegen unser tatsächliches Wertempfinden.

Meiner Meinung nach kann und wurde vielleicht sogar sehr viel Schindluder mit solchen Aussagen angestellt werden. In den Zeitgeist mag das freilich passen, die Neunte Symphonie ohne weitere Nachfrage als hohes sittliches Gut anzunehmen, ohne das im Ansatz auch nur begründen zu wollen.

Auf Seite 172 und 173 wird dann ein kurzer Abriss über die Grundidee der Schopenhauer’schen Philosophie gegeben, die Herr Simmel (zurecht 😉 ) als bisherigen Gipfelpunkt der pessimistischen Weltsicht bezeichnet. Im Absatz nach dem Abriss widerspricht Herr Simmel den Gedanken Schopenhauer und begründet diesen Widerspruch folgendermaßen:

Aber auf die Widerlegung der versgandesmäßigen Beweise kommt es so wenig dem Pessimismus wie dem Optimismus gegenüber hier an.

Kurz gesagt: Die Leserinnen und Leser mögen sich doch ihren eigenen Beweis zimmern. Was das allerdings mit der “streng wissenschaftlichen Grundlage” zu tun, auf die sich die Sammlung Göschen im Allgemeinen beruft, ist mir nicht klar.

Alles in allem bietet Herr Simmel eine nette Einführung in ein paar Gebiete der Philosophie und formuliert auch einen interessanten Gedanken, nämlich dass die jeweilige Philosophie bzw. Weltsicht doch sehr vom Charakter und der Persönlichkeit des Philosophen abhängt, sonst würden sich die Unterschiede zwischen den verschieden Philosophien kaum deuten lassen, denn der Logik versuchen sie alle zu folgen. Darüber hinaus hätte Herr Simmel sich so manchen persönlichen Kommentar sparen können, geht es doch um eine auf “streng wissenschaftlicher Grundlage” fußenden Einführung in die “Hauptprobleme der Philosophie”.

… zählt, und darum bitte ich meine sehr verehrten Leserinnen und Leser an dieser Stelle um Entschuldigung, ja, dazu zähle auch ich.

Aber worum geht es: Weißrussland und neue Voraussetzungen für den Internetzugang. Es wird darauf hingewiesen, dass es bei dem neuen Gesetz wohl nur darum geht, dass Internet-Shops, die in Weißrussland Ware verkaufen, auch in Weißrussland angesiedelt sein müssen. Die Erschwernisse, von denen ausführlich in den Medien berichtet wurden, seien bereits seit mindestens zwei Jahren in Kraft.

Nun muss man schon bei Heise eine zweite Quelle hinzuziehen. 😉

Der dritte Teil der Werksausgabe der Werke Ludwig Wittgensteins widmet sich den Gesprächen Wittgensteins mit Moritz Schlick und Friedrich Waismann. Schlick und Waismann ihrerseits sind Begründer bzw. Mitglied des Wiener Kreises, dessen Mitglieder den Logischen Empirismus diskutierten, der u.a. wohl auch von Wittgensteins Tractatus Logico-Philosophicus beeinflusst wurde.

Wittgenstein setzt sich in den Gesprächen kritisch mit dem Tractatus auseinander, korrigiert auch einige im Tractatus formulierte Gedanken und wiederholt und präzisiert so manche Aussage. Zumindest hilft die Wiederholung der Gedanken Wittgensteins sich besser in sein Denken hineinzuversetzen: Der Tractatus allein für sich gestellt ist ganz schön schwere Kost, die weitere Beschäftigung mit Wittgenstein bzw. mit seinen Gedanken hilft aber, den Tractatus besser zu verstehen.

Darüber hinaus finden sich in den Gesprächen auch einige Aussagen über Ethik und Moral. So sagt Wittgenstein z.B.:

Der Mensch hat die Tendenz, gegen die Grenzen der Sprache anzurennen. Dieses Anrennen deutet auf die Ethik hin. Alles, was ich beschreibe, ist in der Welt. In der vollständigen Weltbeschreibung kommt niemals ein Satz der Ethik vor, auch wenn ich einen Mörder beschreibe. Das Ethische ist kein Sachverhalt.

Der letzte Satz bringt es bereits in der Sprache Wittgensteins auf den Punkt: Wir können die Ethik nicht beschreiben oder nichts über die Ethik aussagen, da etwas Ethisches nicht in der Welt vorkommt. Oder anders gesagt: Was Gut oder was Böse ist, ist eine Frage der Definition und kann nicht logisch geschlossen oder aus der Welt selbst ergründet werden, denn die Welt kennt kein Gut oder Böse.

Als Definitionen des Ethischen würde ich z.B. die 10 Gebote bzw. den Kategorischen Imperativ annehmen. Die 10 Gebote und der Kategorische Imperativ sagen was man tun oder lassen soll, um ethisch zu handeln. Zum Soll sagt Wittgenstein:

Was heißt das Wort »soll«? Ein Kind soll das tun, heißt: wenn es das nicht tut, dann wird das und das Unangenehme eintreten. Lohn und Strafe. Das Wesentliche daran ist: der andere wird bewogen, etwas zu tun. Ein Soll hat also nur Sinn, wenn hinter dem Soll etwas steht, das ihm Nachdruck gibt – eine Macht, die straft und belohnt. Ein Soll an sich ist unsinnig.

In Anspielung auf Schopenhauers “Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer” sagt Wittgenstein schließlich:

Moral predigen ist schwer, Moral begründen unmöglich.

(Wobei ich persönlich finde, dass Schopenhauer die Begründung der Moral schon ziemlich gut hingekriegt hat. 🙂 )

Die Knackwurst in Weißrussland zieht die Zügel weiter an: Es reicht nun nicht mehr Protestanten zu verprügeln oder missliebige Aktivisten zu terrorisieren oder wegzusperren, nein, jetzt wird auch noch das Internet in einer Art und Weise eingeschränkt, die seinesgleichen sucht. Wo kommen wir denn dahin, wenn man eine Strafe dafür zahlen muss, wenn ausländische Websites aufgerufen werden (sagen wir Google Maps oder die noch wichtigere tagesschau.de 😉 )? Wo kommen wir hin,  wenn man seine Familienmitglieder oder Mitbewohner ausspionieren soll (1 Jahr lang Zugriffe der Nutzer archivieren?!?!)? Die Knackwurst hat vermutlich zu lange russisches Gas geschnüffelt… wie sonst will man sich das erklären?

Bisher kamen keine Klagen, dennoch möchte ich meinen verehrten Leserinnen und Lesern nicht das Zitat des Kalenderblatts für den Januar unnötig lange vorenthalten:

Das Leben eines jeden Menschen ist wenn man es im Ganzen übersieht ein Trauerspiel; im Einzelnen betrachtet aber ein Lustspiel. Das Leben des Tags, die Plage des Augenblicks, das Wünschen und Fürchten der Woche, die Unfälle jeder Stunde sind lauter Komödienscenen. Aber das vergebliche Streben, die zertretene Hoffnung, die unseligen Irrthümer des Lebens, und der Tod am Schluß, sind immer ein Trauerspiel.

Der handschriftliche Nachlaß, Bd 1; Frühe Manuskripte; Dresden 1814.

Nun möchte ich auch an dieser Stelle meinen sehr verehrten Leserinnen und Lesern ein frohes neues Jahr 2012 wünschen!

Ich darf außerdem meine hochgeschätzten Leserinnen und Lesern darauf hinweisen, dass dieses Jahr eine Serie von Kalendersprüchen bereithalten wird, die ich in diesem Blog allmonatlich präsentieren werde. Entnommen sind die Sprüche aus dem Kalender Mit Arthur Schopenhauer durch das Jahr 2012, der bei der 100 Jahrfeier der Schopenhauer-Gesellschaft als Gastgeschenk auslag und für den ich mich recht herzlich beim Ersteller bedanke.

Eingeleitet wird der Kalender mit folgendem Zitat:

Es ist nicht ohne Grund und Sinn, daß der Mythos den Kronos Steine verschlingen und verdauen läßt: denn das sonst ganz unverdauliche, alle Betrübniß, Aerger, Verlust, Kränkung, verdaut allein die Zeit.

Parerga und Paralipomena; Bd 2,
Kapitel 18; Eine mythologische Bemerkung; Paragraph 203.

Oder wie wohl Voltaire sagte:

Die Zeit heilt alle Wunden.

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