Kurz nach Silvester habe ich die mir noch fehlenden Teile von Die Welt als Wille und Vorstellung erstanden. Es folgt eine Rezension von Teilen des vierten Buchs und einem Zitat aus dem Anhang Kritik der Kantischen Philosophie. Die Rezension erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Links führen im Übrigen zum Originaltext, wenn sich jemand nicht die Bücher kaufen möchte.🙂

Das vierte Buch enthält sehr interessante Aussagen über den menschlichen Charakter und die menschliche Moral. Schopenhauer schreibt, dass der menschliche Charakter in seinem Wollen nicht geändert werden kann. Nur eine Modifikation bzw. Lenkung ist möglich, indem dem Wollen neue Motive vorgelegt werden. Es wird dazu ein Beispiel gegeben, das ich hier frei widergeben möchte. Genommen sei ein Verbrecher, z.B. ein Mörder. Dieser kann nur vom Morden abgehalten werden, wenn ihm stärkere Motive vorgesetzt werden, als die für ihn durch den Mord erreichbare Befriedigung. Daher das Strafrecht nicht der Bestrafung an sich dient, sondern der Erzeugung alternativer Motive, die in ihrer Wirkung durch die Anwendung des Strafrechts verstärkt werden.

Das Strafrecht an sich muss allgemein, also durch die Bürger des Staates für den dieses Recht Anwendung finden soll, anerkannt wurden sein. Diese Anerkennung wirkt als Vertrag, die dem Staat die Ausführung des Strafrechts zubilligt. Durch diese vertragliche Grundlage ist es auch nicht gerechtfertigt Strafrecht rückwirkend anzuwenden, denn allgemein gilt ein Vertrag auch erst zu dem Zeitpunkt seiner Ratifizierung.

Die Einführung des Strafrechts hängt mit der Erkenntnis zusammen, dass eine allgemeine Einschränkung der Handlungsfreiheit des menschlichen Wollens, eben durch das Strafrecht, vom größeren Vorteil ist, als der sonst durch menschlichen Egoismus verursachte Schaden. Wirkt ein Motiv gerade in einer solchen Weise, also einschränkend auf das menschliche Wollen, kann das resultierende Ergebnis, also die Handlung der entsprechenden Person, schlechterdings moralisch sein. Ein frei gewähltes Beispiel. Eine Person, die einem Opfer eines Vekehrsunfalls Erste Hilfe leistet, handelt nicht moralisch, wenn sie nur aus Angst vor der möglichen Strafe durch unterlassener Hilfeleistung zur Hilfe eilt. Die Handlung ist bestimmt durch den eigenen Egoismus, durch die Angst vor dem Schaden den die eigene Person erleiden könnte. Moral kann allein durch die Identifiaktion einer Person mit seinem Gegenüber erreicht werden, also indem die Person die Leiden seines Gegenübers für seine Leiden nimmt. Sehen wir uns dies am Beispiel an. Die Person, die am Unfallort eintrifft, nimmt das Leiden des Unfallopfers für das eigene, identifiziert bzw. versetzt sich in diese Person. Ihr Handeln wird nicht vom eigenen Egoismus bestimmt, sondern vom Wohl und Wehe der Unfallopfers und daher moralisch sein. Diese Erkenntnis der Identität mit seinem Gegenüber lässt sich beschreiben mit den Ausspruch Tat twam asi!, Dieses bist du!.

Den Abschluss soll ein Zitat bilden, das eigentlich aus Faust (I) stammt, im Anhang Kritik der Kantischen Philosophie aber auch für Schopenhauer Verwendung findet und das sich hervorragend für den einen oder anderen Professor eignet, der sich hinter dunklem Vortrage versteckt:

So schwätzt  und lehrt man ungestört,
Wer mag sich mit den Narr’n befassen?
Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.

Rezension